
„Das Enneagramm ist die fundamentale Hieroglyphe einer Universalsprache, die so viele verschiedene Bedeutungen hat als es Stufen von Menschen gibt…Das Enneagramm ist ein schematisches Diagramm der dauernden Bewegung, das heißt einer Maschine von dauernder Bewegung. Aber natürlich muss man wissen, wie das Enneagramm zu lesen ist. Es ist das perpetuum mobile und ist auch der Stein der Weisen der Alchimisten.“
(P.D. Ouspensky, „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“, erschienen bei advaitaMedia)
Das Studium des Enneagramms beginnt nicht nur mit den Informationen über neun Charakterfixierungen, die die geistige Blase von (fast) allen Menschen beschreiben, sondern mit der Schau auf das Symbol selbst. Durch den armenischen Weisheitslehrer Gurdjieff wurde das Enneagramm Anfang des letzten Jahrhunderts bei westlichen Schülern eingeführt und vor allem dazu genutzt, deren Blick – aus der begrenzten Perspektive – in die dynamische Ganzheit der Realität zu öffnen. Er arbeitete „nur“ mit dem Symbol selbst und den drei kosmischen Gesetzen, die es widerspiegelt (Das Gesetz der Eins = Kreis; das Gesetzt der Drei = das innere Dreieck; das Gesetz der Sieben = die Verbindungen zwischen den anderen Punkten). Später wurde das Symbol des Enneagramms vor allem durch die Lehrer Oscar Ichazo und Claudio Naranjo „aufgefüllt“ mit dem differenzierten Wissen um neun fixierte geistige Welten (subjektive Enneagramme), sowie dem Wissen um die objektiven, also unpersönlichen Enneagramme, die die Realität jenseits eines Ichs in unterschiedlichen Facetten beschreiben. Die Maschine in ständiger Bewegung UND der Stein der Weisen – beides und alles dazwischen kann in der Symbolik des Enneagramms gelesen werden.
Welche Informationen wir durch die Lehren des Enneagramms bekommen, hängt von unserem Interesse ab und wie tief wir schauen möchten. Klar ist jedoch, dass die Erforschung des eigenen fixierten Standpunktes die Voraussetzung ist, um überhaupt sehen zu können. Fixierung bringt Unbewusstheit mit sich und wer sich seiner eigenen Begrenzungen nicht bewusst ist, kann schwer über „seinen eigenen Horizont“ hinausblicken. Das Wissen um das Enneagramm wurde und wird traditionell mündlich überliefert, eingebettet in innere Praxis und einen inneren Weg. Dieses Wissen können wir nicht erlangen oder bekommen, sondern es wird frei gelegt, je freier unser eigener Blick ist, je befreiter von unserem fixierten Standpunkt.
Das Enneagramm der Archetypen besagt, dass jeder Mensch in seiner wahren Menschlichkeit ein Standpunkt Gottes ist. Wie die Farben eines Regenbogens, die daraus entstehen, dass weißes Licht in seine Spektralfarben gebrochen wird, zeigt sich der Standpunkt Gottes durch den Menschen in neun verschiedenen „Farben“. Diese göttlichen Standpunkte sind nicht zu verwechseln mit den Archetypen mythischen Glaubens, sondern sind Ur-Bilder der Seele, reine Intelligenz auf allen Ebenen und in ihren verschiedenen Ausdrucksformen durch den Menschen. Das spirituelle Enneagramm benennt die neun Archetypen: Der Heilige, der Herrscher, die göttliche Mutter, der Magier, der Künstler, der Philosoph, der Held, der Narr, der Krieger.
Die Fixierung an einem der neun Punkte bedeutet einerseits, dass hier die Blindheit eines Menschen am größten ist, und sagt gleichzeitig, dass gerade hier sich auch ein natürlicher Zugang in die Realität für diesen Menschen öffnen kann. Die Tore des Seins sind niemals ganz geschlossen. So gibt es natürliche Momente ohne Maske, in denen der Archetyp eines Menschen „durchscheint“. Doch ist die Erfahrung und Realität der meisten Menschen, den Kontakt mit der eigenen Seelentiefe verloren zu haben und immer wieder zu verlieren durch Kompensation. Das Loch, der Mangel an Wirklichkeit in unserer Seele scheint unerträglich und so folgen wir einem Geist, der uns Ersatzwelten anbietet. Die Kraft, von der wir uns trennen, ersetzen wir durch eine persönliche Machtposition. Die Liebe, die wir so, wie sie ist, nicht wollen, ersetzen wir durch Streben, Ideale und Bilder von ihr. Das wahre Wissen, dem wir uns nicht beugen wollen, ersetzen wir durch unsere Vorstellungen, unsere Urteile, unsere Überzeugungen.
So ersetzen wir den schmerzlichen Verlust unseres Archetyps, unserer natürlichen menschlichen Ausdrucksform, durch eine Nachahmung desselben. Jedes Kind, jedes Ich lernt durch Imitation. Wir folgen einem Bild, einer Vorstellung von uns und versuchen dadurch, unser Loch an Wissen und Bewusstheit zu füllen. Der Archetyp erscheint nicht aus der unbekannten Seelentiefe, sondern wird produziert aus Idealbildern – ein Ideal von jemandem, der „ich gerne wäre“. Ein Mensch z.B., der am Punk Neun fixiert ist und den Zugang zum Archetyp des Heiligen verloren hat, folgt einem Ideal von Heiligkeit und endet in der Scheinheiligkeit. Ein Mensch am Punkt Drei wird zu einem Macher, zu einem Getriebenen, der den dynamischen, schöpferischen Aspekt des Magiers imitiert. Ein Mensch an Punkt Sechs imitiert die „angst-mutige“ Natur des Helden durch falsche Größe und Abwehr von Angst. Dieser Vorgang, der zuerst unbewusst und scheinbar automatisch in der eigenen Ich-Welt geschieht, kann als ein Akt der Fälschung verstanden werden. Wir können die Urnatur unserer Seele nicht und lassen uns täuschen von unseren eigenen Imitationen.
Wie können wir die Spuren unseres natürlichen Archetyps verfolgen und frei legen? Wie können wir etwas in uns berühren, was jenseits unserer Vorstellungen und unseres Machens liegt? Die Weisheitslehren vermitteln einen Weg, der direkt in und durch unsere Fälschungen führt. Wie sieht diese Fälschung genau aus? Auf welchen Annahmen und Überzeugungen beruhen der „falsche“ Heilige, Herrscher etc.? Was erscheint aus unserer Tiefe, wenn wir dem Nicht-Wissen über unser innersten Sein begegnen? Das spirituelle Enneagramm kann auf diesem Weg als Wissensschatz dienen, den wir aufnehmen und dann erforschen und für unsere Befreiung nutzen können.
„In der Seelenmatrix jedes Menschen sind verschiedene Archetypen angelegt, die in diesem Leben zur Entfaltung gelangen und ihr Potenzial entwickeln möchten. Diese Archetypen sind wie ein Same, aus dem sich ein fruchtbarer, vitaler Baum entwickeln kann.“
OM C. Parkin
Wenn du selbst erforschen möchtest, welche Archetypen und Nachahmungen in dir wirken, kannst du dies in diesem Treffen:
Die Archetypen und ihre Nachahmungen
Di. 7. – So. 12. Juli 2026
Leitung: OM C. Parkin & Luna U. Müller